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MARTY SUPREME – Ein Film wie ein Sturm, und was er in mir aufgewühlt hat

  • Autorenbild: Fio Yuxuan Wu
    Fio Yuxuan Wu
  • 12. März
  • 4 Min. Lesezeit

Es gibt Filme, die lassen einen still zurück, und es gibt Filme, die bleiben im Raum stehen, selbst wenn das Licht im Saal längst wieder angeht. Marty Supreme gehört für mich zur zweiten Sorte. Ein Film, der nicht einfach erzählt, sondern auf einen einprasselt – laut, scharf, fiebrig. Ein Film, der eher geschieht als handelt, und der sich in seiner eigenen Unruhe sonnt. Der neue A24‑Sturm des Regisseurs Josh Safdie, basierend auf dem Leben des Tischtennis-Hustlers Marty Reisman, wurde zu Recht als cineastischer Koloss gefeiert und für neun Oscars nominiert.


Aber in mir hat er etwas anderes hinterlassen: eine Reibung. Ein Widerstand. Eine zarte, unruhige Frage: Warum berührt mich das nicht so, wie es offenbar soll?


Der Film, der keine Pause kennt

Der Film beginnt bereits wie ein Herzschlag, der zu schnell schlägt – und bleibt so bis zum Ende. Marty bewegt sich durch seine Welt wie ein Mann, der brennt, aber nicht weiß, wo es schmerzt. Die Kamera rennt mit ihm, stolpert mit ihm, schreit mit ihm. Die Kritiken sprechen von einem „Hochglanz‑Stresszustand“, einer Dauerbelastung, die an Uncut Gems erinnert, nur noch greller, noch dichter, noch erbarmungsloser.

Ich saß da, im Dunkel des Kinosaals, und spürte, wie der Film mich schob, zerrte, drückte. Aber er nahm mich nicht an der Hand. Er küsste mich nicht, er hielt mich nicht. Er schleuderte mich einfach in diesen Wirbel aus Energie und Ego.


Ein Mann namens Marty – und die Leere zwischen zwei Pulsschlägen

Timothée Chalamet spielt Marty Mauser nicht einfach. Er verkörpert ihn, bis zur Grenze der Zumutbarkeit. Ein Mann, der nicht liebt, sondern verschluckt. Nicht träumt, sondern verlangt. Nicht fragt, sondern fordert.

Kritiker nennen ihn „absolutes Arschloch“. Und ja – so fühlt es sich an. Marty ist ein Charakter, der keinen Raum lässt für Empathie, für Nähe, für irgendetwas, das weicher ist als sein eigener Wille.

Aber da, wo der Film mich verlieren wollte, habe ich angefangen, mich selbst zu finden.

Denn ich kenne das: idealistisch sein, etwas verfolgen, das kaum jemand versteht. Ich weiß, wie es ist, wenn das eigene Herz leuchtet, während andere nur den Schatten sehen. Aber im Unterschied zu Marty weiß ich – oder hoffe ich –, dass meine Träume niemanden unter meinen Füßen brauchen, um zu wachsen.


Warum dieser Film nicht mein Film ist – und das liegt nicht an der Qualität

Ich bin selbst idealistisch. Ich kenne dieses Gefühl, nach etwas zu streben, das andere nicht verstehen, nicht schätzen, vielleicht sogar belächeln. Aber anders als Marty glaube ich nicht an Träume, die auf dem Rücken anderer gebaut werden. Und ich glaube nicht daran, dass meine Ambitionen wertvoller sind als die Wünsche der Menschen um mich herum.

Was ich in diesem Film gesehen habe, ist genau das Gegenteil:

  • Marty opfert Freundschaften.

  • Marty ignoriert die Liebe.

  • Marty zerstört das Vertrauen der Menschen, die ihm am nächsten stehen.

Und der Film konfrontiert mich damit, dass solche Figuren oft tatsächlich Geschichte schreiben. Sie bleiben in Erinnerung – gerade weil sie Grenzen überschreiten. Vielleicht liegt hier der wahre Schmerz dieses Films.


Die kleinen Träume, die stiller sind als Martys Schrei

Vielleicht ist das der Teil des Films, der mich am meisten berührt hat: nicht Marty, sondern die anderen.

Der alte Mann, der nur seinen Hund sucht. Wally, der einfach seinen Job behalten möchte. Rachel, deren Traum nichts mit Ruhm, sondern mit Liebe zu tun hat.

Diese stillen Wünsche, so unglamourös, so menschlich, sind für mich die verborgenen Sterne des Films. Der Film bewertet sie nicht. Aber ich tue es.

Für mich sind diese kleinen Träume gleich groß wie Martys überdimensionierter Ehrgeiz. Vielleicht sogar größer, weil sie niemanden verbrennen.


Der seltsamste Moment: Das Baby als Spiegel

Eine Szene ließ mich lange nicht los.

Vor dem großen Wettbewerb weigert Marty sich strikt, anzuerkennen, dass er Vater ist, dass er Partner ist, dass er emotional irgendjemandem etwas schuldet. Nach dem Erfolg aber? Da fällt er in sich zusammen, sieht sein Baby – und bricht in Tränen aus.

Warum?

Hier beginnt für mich die poetische Kraft des Films. Diese Szene ist kein Zufall. Sie ist Symbol.

1. Das Baby als Realität

Marty lebt in einer Fantasie, in der er „Supreme“ ist. Das Baby ist die Realität, die er verdrängt. Es existiert außerhalb seines Mythos. Es entlarvt ihn.

2. Das Baby als Verantwortung

Erst nach dem Sieg kann er Verantwortung zulassen, weil sein Ego plötzlich nichts mehr beschützen muss. Vorher wäre es ein Risiko gewesen.

3. Das Baby als Spiegel seines inneren Kindes

Marty ist emotional unreif – eigentlich selbst ein Kind, das nie gesehen wurde. Das Baby zeigt ihm, was er nie anerkannt hat: seine eigene Bedürftigkeit.

4. Das Baby zerstört sein Ego

Das „Supreme“-Bild bricht. Er ist nicht mehr der Held – er ist einfach ein Mensch.

5. Das Baby ist die Gleichsetzung aller Träume

Es sagt lautlos: Dein Traum ist nicht wichtiger als der Traum irgendeines anderen.

Und genau deshalb ist diese Szene so stark. Weil sie Marty entmystifiziert.


Ein Film, der mich nicht liebt – und den ich trotzdem respektiere

Marty Supreme ist kein Film, der mich umarmen will. Er will mich herausfordern. Er will mich erschöpfen. Er will mich daran erinnern, dass es Menschen gibt, die sich nur dann lebendig fühlen, wenn sie alles niederbrennen, was sie schwach macht.

Ich verstehe, warum Marty Supreme so gefeiert wird – visuell, schauspielerisch, technisch. Die Kritiken loben seine Meta-Ebene, seine radikale Dekonstruktion des amerikanischen Traums und seine narrative Kühnheit. Ich respektiere dieses Werk. Seine Energie. Seine Konsequenz. Seine Fähigkeit, die hässliche Seite des Menschlichen nicht zu verstecken, sondern groß auf die Leinwand zu werfen.

Aber ich brauche in einem Film nicht nur Energie. Ich brauche Werte, Menschlichkeit, Warmherzigkeit. Ich brauche Figuren, die nicht nur laut leben, sondern auch leise fühlen.

Marty Supreme ist brillant gemacht. Aber er ist nicht das, was mein Herz sucht.

Und vielleicht ist genau das der Kern meiner Reflexion: Dieser Film zeigt mir nicht nur Marty – er zeigt mir mich selbst. Meine Grenzen, meine Träume, meine Abneigung gegen egoistische Größe und meine Liebe zu leisen, menschlichen Geschichten.

Das allein macht ihn sehenswert.


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© Fio Wu — Fragmente im Fluss.

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